An den Monat Juni im Jahr 1990 erinnere ich mich noch genau. Es war mein erster großer Auftritt auf öffentlicher Bühne. Die erste Rede als Vertreter einer Bürgerinitiative in der Kelter in Tamm. Ich war damals 20 Jahre jung, ziemlich unbedarft und politisch auf Widerstand gebürstet.  Ich hatte meinen ersten „großen Auftritt“ als Sprecher der Aktionsgemeischaft gegen Müllverbrennung. Natürlich war das Lampenfieber riesig, vor rund 400 Menschen zu sprechen. Die Stimmung im Saal war ziemlich aufgeheizt, die Empörung gegenüber der Kreispolitik groß. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Denn bei uns  im Ort in der Gemeinde Tamm tobte damals ein erbitterter Streit um den Bau einer damals einer umgerechnet 500 Millionen Euro teuren Müllverbrennungsanlage, die der Kreis Ludwigsburg auf die Ackerflächen  vor den Toren der Stadt Bietigheim-Bissingen setzen wollten. Rasch formierte sich großer Protest in der Bevölkerung. Anwohner fürchteten sich vor den Rauchgasen, Dioxiden und Mütter um die Gesundheit ihrer Kinder. Auch der Wertverlust der Häuser war immer wieder ein Thema. Gleich mehrere Bürgerinitiativen gründeten sich, um den Müllschlucker zu verhindern und die Kreisräte von ihrer Entscheidung abzubringen.

Ich selbst war damals bereits in der Jugendgruppe des Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND Jugend) engagiert. Wir organisierten Pflegeaktionen von Streuobstwiesen, pflanzten Benjeshecken an und wollten ein Gewerbegebiet verhindern, für das ein ganzer Streuobstbestand abgeholzt werden sollte.  Der Umwelt- und Naturschutz war mir schon in jungen Jahren enorm wichtig.

Nach Bekanntwerden der Müllverbrennungs-Pläne im Wilhelmshof gingen wir von der BUND-Jugend mit auf die Straße und solidarisierten uns mit den Bürgerinitiativen: Eine Müllinitiative wurde gegründet. Sie informierte über die Müllvermeidung, das richtige Trennen der Abfälle und stellte mit der Biologisch-Mechanischen-Abfallbehandlungsanlage (BMA) eine umweltfreundliche Alternative zum Müllofens vor. Landfrauen, Landwirte, Obst- und Gartenbauvereine, Wertkonservative – alle schlossen sich der Protestbewegung an, die schließlich in über 60 000 Unterschriften mündete. Die Stimmung schwankte zwischen Wut, Empörung und Ernüchterung. Der Kreistag wollte seine Pläne durchziehen, weil die Deponien damals überquollen und Wörter wie Müllvermeidung und Recycling für viele noch Fremdwörter waren. Auch mengenabhängige Müllgebühren gab es damals nicht. Dank des öffentlichen Drucks und der Grünen im Kreistag wurden sie im Kreis Ludwigsburg eingeführt.

Die Debatte befeuerte damals den politischen Aufstieg der Grünen im Kreis. Auch ich knüpfte schnell Kontakte zu Gemeinde- und Kreisräten der Grünen. Alle waren sich einig: Der Müllofen muss verhindert werden und statt dessen Alternativen ernsthaft geprüft werden. Für mich stand nach den vielen Gesprächen schnell fest, dass ich mich aktiv bei den Grünen engagieren wollte. Sie waren für mich (und sind es natürlich immer noch) die einzig glaubwürdige und vor allem nachhaltige Partei. Die Grünen boten mir ihrerseits tatsächlich zwei attraktive Plätze für die Gemeinderats- und Kreistagsliste an. Und so wurde ich 1994 auf Anhieb in beide Gremien gewählt.  Es war der Beginn meines politischen Engagements, der im Jahr 2011 mit dem Einzug in den Landtag mündete.

Rückblickend muss ich sagen, dass mich mein ehrenamtliches Engagement „politisch sozialisiert“ hat.  Ich halte es für wichtig, für seine Überzeugungen einzutreten und sich in unserer Gesellschaft aktiv zu engagieren. Die jetzigen Diskussionen um die Plastikflut und Mikroplastik in den Weltmeeren erinnern mich übrigens fatal an meine Anfänge in der Bürgerinitiative. Damals wie heute benötigen wir (wieder) ein Umdenken in unserer Abfallpolitik.

Die Müllverbrennungsanlage Wilhelmshof wurde glücklicherweise nie gebaut. Kurz vor den Kreistagswahlen in den 90er Jahren knickten der Landrat und  die Kreisräte mehrheitlich ein und beerdigten ihre absurden  Pläne. Der öffentliche Druck war einfach zu groß geworden. Für mich persönlich war das gleichzeitig einer meiner größten politischen Erfolge!

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